Dillinger Modell: Naturerlebnisräume partizipativ gestalten und weiterentwickeln
Das Dillinger Modell ist eine einzigartige Methode, die es ermöglicht, Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft zusammenzubringen, um gemeinsam kreative Naturerlebnisräume zu planen und zu gestalten. In diesem Artikel erfährst du, wie das Konzept entstanden ist, welche grundlegenden Prinzipien dahinterstehen und wie die wichtigsten Schritte aussehen – von der gemeinsamen Ideenfindung über die praktische Umsetzung bis zur Weiterentwicklung.
Das erwartet dich in diesem Artikel
Was ist das Dillinger Modell?
Das „Dillinger Modell” ist ein Planungs- und Beteiligungsprozess zur Gestaltung von Naturerlebnisräumen. Es eignet sich besonders gut als partizipative Methode für die Planung naturnaher Gärten für Kinder. Dabei stehen nicht vorgefertigte Spielgeräte, sondern vielfältige Spielerlebnisse, die sich aus der Natur selbst ergeben, im Fokus.
Kinder, pädagogische Fachkräfte und oft auch Eltern planen und gestalten Außenräume gemeinsam mithilfe kreativer Methoden, wie Modellbau mit Naturmaterialien. Der Freiraum wird dabei in vier ausgewogene Bereiche gegliedert: Spiel und Bewegung, Ruhe und Kommunikation, kreatives Gestalten sowie Naturerleben.
Das Ziel ist ein Außenraum, der Selbstwirksamkeit, soziale Kompetenzen, Naturbeziehung und ganzheitliche Entwicklung fördert. Ein Ort, den die Kinder mitgestalten dürfen und mit dem sie sich wirklich identifizieren können.
Ursprung und Entstehung des Dillinger Modells
Das Dillinger Modell wurde in den 1990er-Jahren an der Bayerischen Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen entwickelt. Initiiert wurde es von Manfred Pappler, Grundschullehrer und Referent für Umwelterziehung, und von Dr. Reinhard Witt, Naturgartenplaner und Biologe.
In enger Zusammenarbeit mit der Naturgartenbewegung wurde das Konzept kontinuierlich weiterentwickelt und ist heute als partizipatives Planungskonzept für naturnahe Spiel-, Lern- und Lebensräume von Kindern erprobt und bekannt.
Das Dillinger Modell bedeutet einen Perspektivwechsel:
Der Außenraum ist ein lebendiger Entwicklungsprozess, der nicht von Planern oder Baufirmen, sondern von den Menschen, die ihn nutzen, getragen wird.
Wie uns Reinhardt Witt in seinem Artikel erzählt, beschrieb Manfred Pappler, einer der Begründer, das Dillinger Modell als „gelebte Demokratie“: Kinder und Erwachsene planen, bauen und pflegen ihre Naturerlebnisräume gemeinsam.
Außenräume als pädagogischer Prozess
Beim Dillinger Modell wird der Außenbereich des Kindergartens oder der Schule nicht nur als Freiraum oder Ausstattung, sondern als pädagogischer Raum verstanden.
Ein Raum, der sich verändert, mitwächst, Spuren trägt – und Verantwortung ermöglicht.
Anstatt uns in erster Linie mit Spielgeräten zu beschäftigen, bilden drei einfache, aber tiefgreifende Kernfragen das Herzstück des Modells.
Was wollen wir hier erleben? (Nicht: „Was wollt ihr haben?”)
Was brauchen wir, damit diese Erlebnisse möglich werden?
Was können wir gemeinsam – Kinder, Eltern und Fachkräfte – selbst gestalten und bauen?
Diese Fragen verlagern den Fokus von Objekten hin zu Erlebnissen und von Konsum hin zu Beteiligung.
Beteiligung auf Augenhöhe
Einer der großen Vorteile dieser partizipativen Methode, wie sie im Dillinger Modell angewendet wird, ist, dass sie weder sprachlastig noch abstrakt ist. Sie ist praktisch, sinnlich und für alle zugänglich. Gerade dadurch spricht sie eine große Bandbreite an Teilnehmenden an und ermöglicht echte Beteiligung.
Um Wünsche und Ideen darzustellen, bauen Kinder und Erwachsene gemeinsam Modelle aus Naturmaterialien. Diese Modelle machen Bedürfnisse sichtbar – auch dort, wo Worte fehlen.
Auch wenn der Modellbau auf den ersten Blick einer Bastelarbeit ähnelt und ebenso viel Freude bereitet, ist er nicht nur das. Es handelt sich dabei um ein ernstzunehmendes Planungsinstrument. Aus ihnen entstehen reale Räume, die sich an den tatsächlichen Erfahrungen und Vorstellungen ihrer NutzerInnen orientieren. So erleben junge Menschen direkt, dass ihr Handeln Wirkung zeigt und sie ihre Umwelt mitgestalten können. Zugleich entsteht durch die Gruppenarbeit ein Gefühl der sozialen Eingebundenheit.
Solche Erfahrungen von Partizipation und Mitbestimmung sind für die emotionale und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unverzichtbar.
Dillinger Modell: Schritte der Umsetzung in Naturerlebnisräumen für Kinder
In einem Naturerlebnisraum wird das Dillinger Modell in mehreren Schritten umgesetzt.
1. Bedarfsanalyse und Modellbau
Ein Projektteam aus LehrerInnen und ErzieherInnen führt Workshops durch. Dort sammeln Kinder ihre Wünsche und Ideen. In kleinen Gruppen gestalten sie ihr Traum-Außengelände als Modelle aus Naturmaterialien wie Knete, Zweigen, Blättern, Blumen, Sand, Steinen oder Lehm. So wird klar, welche Erlebnisse sich die Kinder wünschen und wie diese in einem konkreten Raum aussehen können.
In diesem einfachen Modell, das mit Naturmaterialien gebastelt wurde, äußern die jüngsten Kinder der Gruppe ihre bunten Blumewünsche.
2. Auswertung und Planung
Die entstandenen Modelle werden von einer qualifizierten Naturgartenplanerin bzw. einem qualifizierten Naturgartenplaner für Naturerlebnisräume gemeinsam mit den Beteiligten analysiert und ausgewertet. Mithilfe gezielter Fragen werden die dargestellten Ideen vertieft und konkretisiert. Im Anschluss werden die Wünsche den vier Funktionsbereichen zugeordnet, die in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen sollen:
Spiel und Bewegung (z. B. Hügel, Wasserläufe, Balancier- oder Kletterelemente).
Naturerleben und Artenschutz (z. B. Wiesen, Blumenbeete, Teiche, Bäume)
Ruhe und Kommunikation (z. B. geschützte Sitzplätze, Weidenzelte, kleine Treffpunkte)
Kunst und Kreativität (z. B. Mosaike, Figuren, Bastel- und Werkbereiche)
Naturgartenplanerinnen für Naturerlebnisräume und Pädagoginnen setzen die Ideen dann mit den örtlichen Gegebenheiten, Sicherheitsanforderungen und pädagogischen Zielen um. So entsteht ein konkreter Entwurfsplan.
3. Umsetzung durch Gemeinschaft
Die Umsetzung erfolgt in gemeinschaftlichen Arbeitseinsätzen. Kinder, Eltern, Fachkräfte, Nachbarn und lokale Betriebe arbeiten hier Hand in Hand: Hügel werden modelliert, heimische Gehölze gepflanzt, Wasserspiele angelegt und Wege gestaltet. Oft gibt es mehrere "Mitmachbaustellen", bei denen unterschiedliche Gruppen einzelne Bereiche übernehmen. So entsteht ein lebendiger, naturnaher Spielraum, den die Kinder selbst mitgestaltet haben.
4. Pflege und Weiterentwicklung
Auch nach der Fertigstellung bleiben die Nutzerinnen eingebunden. In regelmäßigen Pflegeeinsätzen lernen Kinder und pädagogische Fachkräfte gemeinsam, den Raum nachhaltig zu erhalten. Durch Tätigkeiten wie Gießen, Jäten oder gemeinsames Reparieren übernehmen die Kinder Verantwortung und entwickeln Eigeninitiative. Dieses Engagement fördert eine starke Identifikation mit dem Ort. Langfristig soll sich der Naturerlebnisraum weiterentwickeln und mit seinen Nutzerinnen „mitwachsen“.
Vorteile der Planung nach dem Dillinger Modell
Wirksam und wirtschaftlich
Die Planungs- und Umsetzungsmethode des Dillinger Modells hat sich als wirkungsvoll und zugleich kosteneffizient erwiesen. Durch gemeinschaftliche Arbeitseinsätze, einfache Bauweisen und den Einsatz natürlicher Materialien lassen sich hochwertige Außenräume auch mit einem kleinen Budget realisieren.
Kreativ und partizipativ
Anders als bei herkömmlichen Planungsprozessen, bei denen zuerst geplant, dann gebaut und schließlich genutzt wird, fördert das Dillinger Modell Kreativität, Innovation und echte Beteiligung. Kinder, pädagogische Fachkräfte und Eltern bringen von Beginn an ihre Perspektiven ein und gestalten den Raum gemeinsam. So entstehen Orte, die den tatsächlichen Bedürfnissen der NutzerInnen entsprechen.
Identitätsstiftend und verantwortungsfördernd
Weil Kinder aktiv an der Planung und Umsetzung beteiligt sind, entwickeln sie eine enge Beziehung zu „ihrem“ Außenraum. Diese Identifikation fördert einen achtsamen Umgang mit dem Gelände und stärkt das Verantwortungsgefühl für die gemeinsam geschaffenen Strukturen.
Naturnah und nachhaltig
Die Planung orientiert sich an den Prinzipien der Naturgartengestaltung. Es werden vorwiegend regionale Naturmaterialien und heimische Pflanzen verwendet. So entstehen vielfältige, artenreiche Lebensräume, die ökologische Zusammenhänge erlebbar machen und sich über Jahre weiterentwickeln können.
Langlebig und anpassungsfähig
Naturnahe Spiel- und Lernräume nach dem Dillinger Modell sind nicht statisch angelegt. Sie können verändert, ergänzt und weitergedacht werden. Dadurch bleiben sie über lange Zeit nutzbar und lassen sich flexibel an neue Bedürfnisse anpassen – ohne den Charakter des Ortes zu verlieren.
Pädagogisch wirksam und alltagsnah
Das Dillinger Modell macht den Außenraum zu einem festen Bestandteil des pädagogischen Alltags. Kinder lernen nicht abstrakt über Natur, Gemeinschaft oder Verantwortung, sondern erleben diese unmittelbar beim Tun. Bewegung, freies Spiel, Kommunikation, Kreativität und Naturerleben greifen dabei ineinander und unterstützen eine ganzheitliche Entwicklung. Gleichzeitig bietet der gemeinsam gestaltete Außenbereich den pädagogischen Fachkräften einen reichen Erfahrungs- und Lernraum, der sich flexibel in den Alltag integrieren lässt.

